Wirtschaft als Schulfach?

Philine Müller-Hanssen und Mattis Sippel berichten beim Deichspaziergang von ihren Erfahrungen.
News vom 18.07.2021

„Wirtschaftsunterricht an Schulen“ ist eins der Kernthemen unseres Netzwerks. Doch wollen die Schüler und Schülerinnen das überhaupt? Philine Müller-Hanssen und Mattis Sippel haben dieses Jahr Abitur gemacht und erzählen, welche Berührungspunkte sie mit dem Thema Wirtschaft hatten und was sie sich gewünscht hätten.

Schulfach Wirtschaft? Philine Müller-Hanssen und Mattis Sippel berichten beim Deichspaziergang von ihren Erfahrungen.Schulfach Wirtschaft? Philine Müller-Hanssen und Mattis Sippel berichten beim Deichspaziergang von ihren Erfahrungen.

Wirtschaftsunterricht am Leben vorbei

Philine Müller-Hanssen und Mattis Sippel belegten gemeinsam den den Leistungskurs „Politik und Wirtschaft“ am Gymnasium Wesermünde in Bremerhaven. Sie lernten die Grundprinzipien der sozialen Marktwirtschaft mit Fokus auf Deutschland kennen und sprachen auch über die Theorien der freien Marktwirtschaft und über die Zentralverwaltungswirtschaft der DDR. „Inhaltlich war unser Lehrer der beste an der Schule“, stellt Mattis Sippel klar, „immer gut vorbereitet. Aber sein Schwerpunkt lag leider auf der Politik. Jemand aus der Wirtschaft wäre gut gewesen.“

Doch auch der Lehrplan hätte nicht das breite Feld an Wirtschaft eröffnet, das die beiden sich gewünscht haben. „Volkswirtschaft. Was soll man denn damit machen?“, fragt Philine Müller-Hanssen. „BWL hat gefehlt! Das ist in der Anwendung doch für jeden wichtig. Ob man freischaffend arbeiten möchte oder eine Tierarztpraxis eröffnen will, man braucht das Wissen darüber. Wie funktionieren die Wirtschaftstheorien in der Wirklichkeit? Wie ist der Kreislauf? Was ist mit Marketing?“ Auch Mattis Sippel hat noch viele Fragen: „Wie sorgt man für die Rente vor? Sie erzählen uns ja immer, dass wir uns da selbst drum kümmern müssen. Wie funktioniert die Börse?“ Allgemein wünscht er sich mehr Praxisorientierung. „Wie arbeiten Unternehmen? Da hätte ich mir gerne Historie und Aufbau angeguckt. Wie macht man seine Steuererklärung? Das Formular mal durchzugehen, wäre auch hilfreich.“ Derzeit bleibt den Schülern und Schülerinnen nichts, als sich über außerschulische Angebote weiterzubilden.

Unser Unternehmerspiel MIG als Bereicherung

Mit dem Unternehmerspiel MIG bietet unser Netzwerk Schülern und Schülerinnen der Region die Möglichkeit, für eine Woche als Firmenvorstände die Mechanismen und Wirkungsweisen des Marktes kennenzulernen, gleichzeitig knüpfen sie auch Kontakte zu Menschen aus der Wirtschaft und ihren Unternehmen. Im Jahr 2019 nahmen Philine Müller Hanssen und Mattis Sippel daran teil. Philine Müller-Hanssen beschreibt: „Man konnte direkt erkennen: Was mache ich und welche Auswirkungen hat das?“ Auch gefiel ihr die andere Perspektive. „Wir konnten einfach ausprobieren, dadurch war es nicht so trocken.“ Strategie und Wettbewerb waren weitere wichtige Aspekte. Nachdem die Gruppe wegen einiger Fehlentscheidungen auf den letzten Platz fiel, konnte sie dennoch wieder aufholen. „Da lernt man gleich die Philosophie des Lebens, dass man aus Tiefen wieder hochkommen kann“, berichtet Philie Müller Hanssen lachend. 

„Es war richtig anstrengend, aber hat auch viel Spaß gemacht“, erinnert sich Mattis Sippel. Außerhalb der Schule zu arbeiten, Teamarbeit zu erlernen und als besondere Herausforderung die Abschlusspräsentation waren wertvolle Erfahrungen. Besonders geschätzt hat er den Kontakt zur Praxis, als die Gastredner Vorträge hielten, in denen sie ihre Unternehmen, die Historie und den Aufbau vorstellten und jeweils ein Thema mit Beispielen aus dem Leben vertieften. „Die Möglichkeit sollte jeder Jahrgang haben“, sagt Mattis Sippel und Philine Müller-Hanssen fügt an: „Wenn man das über ein Jahr machen würde, was könnte man dort alles erreichen!“

Außerschulische Lernangebote werden genutzt

Mattis Sippel nahm außerdem am Projekt Ju&Me der regionalen Arbeitsgruppe LEADER teil, bei dem je ein Jugendlicher als Mentor einer Führungskraft nahebringt, wie sie ihr Unternehmen für die jungen Menschen ansprechend gestaltet. Mit unserem Netzwerkmitglied Lars Müller, Filialdirektor Deutsche Bank Bremerhaven, tauschte er sich dabei sich auf Augenhöhe aus. „Er war sehr offen. Ich konnte meine Meinung sagen und auch viel fragen“, berichtet Mattis Sippel. Sowohl im Bereich Wirtschaft als auch in Bezug auf „Chefsachen“ habe er dadurch viel gelernt.

Philine Müller-Hanssen machte ein Praktikum im Kulturbüro, denn dort konnte sie ihre Leidenschaft, die Kunst, und die Wirtschaft unter einen Hut bringen. „Man muss planen und finanzielle Mittel suchen“, gibt sie einen Kurzüberblick und fügt an: „Gefühlt kann man mit Wirtschaft alles machen.“ Deshalb sollte man aus ihrer Sicht bereits in der Schulzeit kennenlernen. „Man muss es ja nicht studieren, aber man sollte es auf dem Schirm haben“, sagt sie.

Und wie geht's weiter?

Ideen, wie man Wirtschaftsunterricht in der Schule abhalten könnte, haben beide: Philine Müller-Hannsen stellt sich vor, dass man statt einer Klausur ein Unternehmen entwickelt, Mattis Sippel denkt an eine zusätzliche Stunde pro Woche, in der man Formulare und Verträge kennenlernt und versteht, was das Leben kostet und wie man es finanziert. Doch die beiden haben die Schulzeit jetzt erfolgreich hinter sich gebracht und betreten die Arbeitswelt.

Philine Müller-Hanssen zieht es erstmal nach Frankreich, wo sie jobben möchte. „Der Impuls Richtung Wirtschaft ist gesetzt“, sagt sie, möchte aber noch herausfinden, wohin es sie zieht.
Mattis Sippel wird Wirtschaftsinformatik studieren. „Reines BWL ist mir zu trocken“, sagt er – das kann er dank seiner Erfahrungen einschätzen. Der Ort des Studiums ist noch unklar, doch für die Zeit danach weiß er durch die Projekte unseres Netzwerks, dass es in unserer Region viele Möglichkeiten gibt. Wir wünschen den beiden alles Gute für ihren Lebensweg!
Als Mitglied des Bündnisses Ökonomische Bildung (BÖB) setzt sich unser Netzwerk weiter für Wirtschaftsunterricht an Schulen ein, damit die nachfolgende Generation die Schule nicht mit so vielen offenen Fragen verlassen muss, sondern ein Grundverständnis von Wirtschaft erlangt, mit dem sie den Wirtschaftsstandort Deutschland noch besser stärken kann.

 

Text und Foto: Janina Berger

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